Auftauen im Irak

Ich sitze mit meinem Rad vor dem irakischen Grenzübergang; ein geschwungenes Dach überspannt die Straße, darüber thront die Flagge Kurdistans.
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Grenzübertritt mit Hindernissen

Der Wind hatte am nächsten Tag nicht nachgelassen und nach dem Mittag waren es immer noch 30 km bis zur Grenze. Natürlich ist das schaffbar, aber ich musste dort noch das Visum beantragen und wusste nicht, wie lange das dauern würde. Außerdem hat man bei jedem Grenzübertritt in ein neues Land immer ein gewisses flaues Gefühl in der Magengegend und sucht sich gerne Ausreden.

Ich fahre Rad bei starkem Wind, der meine Haare waagerecht nach rechts weht.

Der heutige Sonntag begrüßte mich schließlich mit schönstem Sonnenschein und mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf den Weg zu machen. In Silopi gab ich noch meine restlichen Lira aus und danach war es nur noch ein Katzensprung bis zur Grenze.

Die türkische Seite machte mich erst einmal wahnsinnig. Zuerst wollte man von mir eine Passagierliste sehen – was ich als einsamer Radler natürlich nicht hatte. Dann war es ein riesiger Akt herauszufinden, wie lange ich ausreisen muss und ab wann ich wieder in die Türkei einreisen darf. Nach gut einer Stunde hatte ich es aber geschafft und ich machte mich mit einem verdammt mulmigen Gefühl auf zur irakischen Seite.

Hier sah ich dann, wie simpel es sein kann: Schalter eins fragt nach meinem Visum, dann weiter zu Schalter zwei, 70€ zahlen, Stempel abholen und durch. Die ganze Prozedur dauerte keine 15 Minuten und ich war im Irak – oder besser gesagt in Kurdistan.

Bild mit Fahnenmasten der Irakischen und Kurdischen Flagge

Erste Schritte in Kurdistan und unglaubliche Hilfe

Meine nächste Aufgabe war es, eine SIM-Karte zu besorgen, wozu ich mich auf nach Zakho machte. Vom ersten Geschäft wurde ich zum zweiten geschickt und dieses ließ mich von ein paar Kindern zum nächsten führen, während die Kinderschar um mich herum immer größer wurde.

Glücklicherweise wurde ich von Abdul Rahim erlöst. Er war selbst Tourenradfahrer und half mir mehrere Stunden lang dabei, eine SIM-Karte zu bekommen. Damit nicht genug: Er bezahlte sie sogar für mich, lud mich anschließend zum Essen ein und gab mir noch einen Berg Obst aus, bevor er mich aus der Stadt heraus begleitete. Noch einmal vielen Dank dafür! Wir sehen uns in Duhok wieder.

Rahim und ich in einem Cafe beim Essen

Aber ganz ehrlich, ich hatte hier ein sehr komisches Gefühl in der Magengegend. Dass jemand so viel für einen Fremden ausgibt, war schon etwas verdächtig. Auch dass er kilometerweit mit dem Auto hinter mir herfuhr, bevor er in die Stadt zurückkehrte, machte es nicht besser, sondern eher schlechter.

Als ich schließlich mein Zelt aufgebaut hatte, hatte ich die schlechteste Nacht der gesamten Reise vor mir. Auf meiner Karte sah ich, dass direkt südlich von mir PKK-Standorte waren. Kaum hatte ich mein Zelt aufgeschlagen, kam auch schon das erste Auto von einem Feldweg aus dieser Richtung auf mich zu. Es war dann zwar „nur“ ein Holländer auf der Durchreise, der mich fragte, ob alles in Ordnung sei, aber ich war für die Nacht mit den Nerven am Ende.

Karte mit Markierungen der Gefährlichen Gebiete in Kurdistan
Ganz viele Stellen wo man nicht hin sollte

Kampf gegen den Wind und volle Mägen

Die nächste Nacht war äußerst stürmisch. Der Wind heulte extrem laut um das Zelt und den Strommast herum, sodass ich ständig geweckt wurde.

Der nächste Tag sah erst mal nicht besser aus. Der Gegenwind blieb, wollte mich einfach nicht voranlassen und auch die Aussicht war äußerst trüb und klärte nur schwerlich auf.

Nach drei Stunden hatte ich erst 30 km hinter mir und kam in Batifa an, wo ich von Nurin angehalten und eingeladen wurde. Zusammen mit der Familie wurde richtig groß aufgetischt und so vergingen ein paar schöne, gesellige Stunden. Ich hätte länger bleiben und übernachten können, aber ich wollte noch ein paar Kilometer fahren – außerdem schlafe ich einfach zu gerne im Zelt.

Auf dem Boden sitzend wird irakisches Essen auf einem Tablett Serviert.
Selfie mit Nuri und mir

Mit den geplanten weiteren Kilometern hat es aber nicht mehr so ganz geklappt. Der Bauch war einfach so voll, dass ich nach nur 6 km abbrechen musste. Ich schlug mein Zelt auf und nahm lieber die letzten Kapitel von Ready Player One in Angriff.

Der zweite Eindruck von Kurdistan war schon weitaus besser. Irgendwie fühle ich mich hier wie in den USA, wo ich auch immer wieder zu hören bekam: „Hier ist es sicher und hier nicht“. Ich freue mich jedenfalls darauf, mehr vom Land zu sehen.

Grünes Zelt auf trockenem Boden vor einer weitläufigen, dunstigen Berglandschaft unter bewölktem Himmel.

Picknick mit der Polizei und Minenwarnungen

Gleiches Bild wie zuvor. Jedoch am Morgen mit starkem Sonnenaufgang
Am nächsten morgen ein toller Ausblick

Der heutige Morgen begrüßte mich mit tollem Sonnenschein und einer klaren Sicht. So macht das Touren gleich wieder mehr Spaß, auch wenn es fast ausschließlich nur in eine Richtung ging: steil nach oben.

Das Timing war mal wieder perfekt, denn ich kam genau zur Mittagszeit an der höchsten Stelle an. Dort wurde ich an einem Pavillon von einem Polizisten sozusagen zum Picknick eingeladen.

Nach der Stärkung ging es an vielen blühenden Mandelbäumen weiter bis kurz nach Sersink, der Stadt am Fuße des Çiyayê Gare. Kurz darauf fand ich einen Platz für das Zelt. Dieses Mal allerdings mit einem mulmigen Gefühl, da es auf der Strecke einige Schilder mit Minenwarnungen gab.

Zwei Polizisten laden mich in einem Pavillon zum Tee ein
Blick auf das schneebedeckte Zagros Gebirge, mit rosa blühenden Mandelbäumen im Vordergrund

Wiedersehen in Duhok

Nachdem ich die ersten Nachrichten von Rahim ignoriert hatte, hat mich die weitere Gastfreundschaft, die ich hier erlebt habe, dazu gebracht, doch zurückzuschreiben. Wieder einmal wurde ich eingeladen! Rahim kam mir mit seinem Rad entgegen und wir fuhren die letzten Kilometer zusammen nach Duhok, wo er ein Hotelzimmer für mich zahlte.

Rahim serviert Essen, das auf dem Boden angerichtet wurde. Mehrere Kinder sitzen gespannt daneben und beobachten die Szene.
ahim lacht und zeigt den Daumen hoch, mit Blick auf Duhok zwischen zwei steilen grünen Bergen im Hintergrund.

Am ersten Tag gingen wir erst einmal lecker essen und machten mit dem Auto eine Stadtbesichtigung, bevor wir am Abend auf den Zawa-Berg fuhren. Dort genossen wir die Aussicht und ich probierte meine ersten kurdischen Tanzschritte aus.

Heute war ich dann bei ihm zu Hause zum Essen eingeladen, wo es von seiner Frau das äußerst leckere kurdische Gericht Dolma gab. Anschließend bestiegen wir den Berg auf der anderen Seite der Stadt, um die Kalorien auch wieder loszuwerden.

Blick auf den tief türkisen Stausee von Duhok, umgeben von Bergen. Eine Straße schlängelt sich entlang des Sees, im Vordergrund der Damm mit Flagge.

Wieder bei ihm zu Hause angekommen, besichtigte ich mit ihm noch seine Moschee, in der er der Imam ist, und wir machten eine Rundfahrt um den Stausee von Duhok. So gingen zwei wundervolle Tage vorbei. Morgen geht es erst nach dem Mittag weiter, da Rahim – der ein unglaublich freundlicher Gastgeber war – mich noch ein Stück mit dem Rad begleiten möchte.

Imam Rahim betet in seiner Moschee, an einer weißen Säule und auf einem rot gestreiften Teppich.