Ein holpriger Grenzübertritt
Nach einem leckeren Frühstück ging es erst einmal zu einer Wechselstube. Geldautomaten (ATMs) gab es hier nicht mehr, und ich benötigte unbedingt iranische Scheine. Der Fehler war nur, dass ich gleich 200 $ gewechselt habe. Daraufhin war ich Multimillionär!
Anschließend ging es dann auch weiter Richtung iranische Grenze, wobei mich Abdullah noch ein Stück begleitet hat. Der Abschied war irgendwie seltsam, da er etwas zu anhänglich war. Aber die Zeit war schön, und wir werden uns ziemlich sicher nicht wieder sehen.
Der Grenzübertritt hatte mal wieder seine Besonderheit. Anstatt entlang der Straße nach und nach die Stationen abzufahren, ging es zum Ausstempeln aus Kurdistan in eine Nebenstraße, in ein gesondertes Gebäude, bei dem ein kleines Schild mit „Exit“ im Innenhof hing. Natürlich hatte ich das verpasst und wurde dorthin zurückgeschickt.

Die Grenzposten auf beiden Seiten waren aber überaus freundlich, besonders der iranische, da jemand mit ihm mein Instagram geteilt hatte. Kaum kam ich bei ihm an, winkte er mir auch schon zu und zeigte mir mein Profil auf seinem Handy. So kam ich komplett ohne Kontrolle in den Iran.
Dennoch hatte man an dieser Grenze als Radfahrer seine liebe Not. So durfte ich mal wieder nicht über die Straße, sondern musste den Weg der Fußgänger durch viele Absperrungen und Schranken schieben, was viel zu eng war. Aber ich schaffte das letztendlich ohne gravierende Probleme und war schließlich im Iran.
Picknick am Berg und iranisches Vermögen
Keinen Kilometer von der Grenze entfernt wurde ich schon von drei Familien angehalten und nach Hause eingeladen, aber meine soziale Energie als leicht introvertierter Mensch benötigte erst einmal eine Verschnaufpause. Zum Radeln hatte ich an diesem Tag auch keine wirkliche Lust mehr. Das Wetter war feucht-schmuddelig und hing voller tiefer Wolken, so dass auch die Sicht sehr beschränkt war. Beim ersten freien Platz baute ich daher schon mein Zelt auf und zählte erst einmal mein iranisches Vermögen, bevor ich das Geld in mehrere Taschen aufteilte.

Es hatte sich gelohnt, dass ich den ersten Tag im Iran abgebrochen hatte. Am nächsten Morgen war die Sicht besser und mich begrüßte eine wunderschöne Aussicht – am Ende aber auch ein ordentlicher Aufstieg mit 20% Steigung bei Dagaga.
Auf diesem Aufstieg wurde ich, wie den Rest des Tages schon, immer wieder angehalten und angesprochen: zum gemeinsamen Selfie machen, zum Erzählen, aber auch wurde mir immer wieder Obst, Gemüse oder Wasser geschenkt. Dieses Mal gab es sogar Schokolade 😊

Ein paar Meter weiter wurde ich wieder von einer Männergruppe um Hamid angehalten, die gerade ein Picknick machten, den Beginn des Ramadan feierten und ich herzlich eingeladen war. Und wer kann bei einem Picknick mit frisch gegrilltem Kebab schon Nein sagen? – Ich jedenfalls nicht!
Mit viel Lachen und Tanzen endete dann auch dieser Tag und ich baute an Ort und Stelle mein Zelt auf.
Platten-Drama und die Kocher-Affäre
Nach einer sehr unruhigen Nacht, direkt neben der Straße, begrüßte mich mein Fahrrad mal wieder mit einem Platten. So langsam hatte ich die Schnauze voll davon, aber ich konnte mal wieder keinen Fremdkörper im oder am Reifen finden.
Der Weg heute führte mich weiter durch das Zagros-Gebirge, bei einem großartigen Wetter mit wirklich toller Aussicht. Laut App sollte es heute eigentlich nur bergab gehen, aber so genau scheinen die Höhenprofile für den Iran nicht zu sein. Ging es 100 m nach unten, ging es direkt darauf beinahe die gleichen Höhenmeter wieder nach oben – und das teilweise mit wirklich ordentlicher Steigung. Aber bei der Aussicht, die sich mir bot, störte mich das nicht.

Was mich eher störte, waren die zwei weiteren Platten an diesem Tag. Beim zweiten Mal hatte ich den Übeltäter gefunden: den Reifen selbst. In der Innenseite war eine kleine Wulst unter der Gummischicht von nicht ganz 1 mm Dicke, die von der Produktion herrührte. Diese schliff ich mit dem Schleifpapier vom Flickset so ab, dass direkt darunter das Mesh hervortrat, und überklebte das mit einem Stück Panzertape. Danach gab es keinen platten Reifen mehr.

Am späten Nachmittag kam ich dann ziemlich fertig am Jub Tashan Stausee an. Hier zeigte sich mal wieder die Gastfreundschaft der Menschen im Iran und der Vorführeffekt meines Benzinkochers. Es gibt Tage, da möchte man einfach seine Ruhe haben, und kaum hatte ich mir einen Platz am See zwischen einem ganzen Pulk picknickender Menschen gesucht, kam auch schon Machmed an und lud mich ein. Ich wollte aber nicht, dennoch schenkte er mir eine Tüte Rosinen.
Da ich den Kocher mal wieder reinigen musste und Machmed mich beim Rumhantieren sah, brachte er seinen Gaskocher vorbei. Ich winkte ab, ich musste ihn ja eh sauber machen, schon alleine für den Kaffee am nächsten Morgen. Natürlich wollte mein Benzinkocher nach der Reinigung gar nicht mehr anspringen. Mir war es aber zu peinlich nachzufragen, und ich verzichtete dann auf warmes Essen. Dennoch kam mein „Nachbar“ später nochmal vorbei und schenkte mir einen großen Sack voller Nüsse – „Energie fürs Radeln“ – und verabschiedete sich. Ich baute schließlich mein Zelt auf und beendete den Tag. Am nächsten Morgen, zum Kaffee, funktionierte der Kocher dann wieder ohne Probleme…

Routenwechsel und der Weg zum Persischen Golf
Letzte Nacht machte ich mir langsam Gedanken über die genaue Route durch den Iran. Der eigentliche Plan, die zentrale Route über Isfahan, Shiraz und Kerman zu fahren, hatte den Nachteil, dass die Schwierigkeit der letzten Etappen so weitergehen würde. Das Problem daran war der frisch angebrochene Ramadan, und ich wusste noch nicht, wie locker hier damit umgegangen wird. Schließlich brauche ich zum Radeln Energie.
Die Route änderte sich daraufhin zu einer südlichen Route über Ahvaz und dann dem Persischen Golf entlang nach Bandar Abbas.

Der Tag begann dann aber richtig gut, mit einer Bergabpassage, die 80 km bis Kermanshah anhielt. Super Wetter mit Aussicht auf die Berge und sogar Rückenwind war mein Begleiter. So kam ich ohne weitere Zwischenfälle – ausgenommen den üblichen Selfies mit Autofahrern – noch bis nach Mirak. Hier zogen dichte Wolken langsam zusammen, und ich schlug vor dem nächsten Aufstieg mein Zelt auf.
Die Nacht blieb noch trocken, aber am nächsten Morgen, direkt nach dem Losfahren, brach ein Gewitter los. Das an sich war zwar schnell vorbei, aber der Regen hielt die nächsten zwei Tage fast durchgehend an, und zugleich war auch der Gegenwind wieder zurück. Zum Glück wurde ich von Autofahrern immer noch angehalten, zu Tee aus Thermoskannen oder gar zum Essen nach Hause eingeladen.

Dafür machte das Knie wieder Probleme, und ich musste es bandagieren. Das Schlimmste war aber die Straße und der Verkehr. Die Fahrbahn war zu eng für zwei Lkws und einen Radler, so dass ich durchgehend in den nassen und matschigen Graben ausweichen musste. Der ganze Dreck klebte am Fahrrad, und ständig musste ich Felgen, Bremsen und Schutzbleche im strömenden Regen freimachen.
Am zweiten Regentag hielt ich bereits um 3 Uhr an und machte Schluss. Es langte für den Tag, und passend dazu war auch der Zeltplatz, direkt an der Straße, viel zu laut und überall voller Matsch. Zum Glück hatte ich mir unterwegs eine Box iranischer Plätzchen gekauft, die meinen Endorphinspiegel wieder auffüllten.



