Die Sache mit der Sicht

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Yerevan erreichte ich dann schon am nächsten Morgen, und wie immer hielt es mich dort nicht wirklich lange. Kaum kurvte ich durch die Stadt, um dieses Mal vielleicht doch etwas mehr mitzunehmen außer „ich war hier“, war mir die Lust schon wieder vergangen. Und ich tat auch gut daran, denn in den Außenbezirken um die Hauptstadt war es nicht einfach, einen Zeltplatz zu finden. Neben den landwirtschaftlichen und urbanen Flächen waren ebenfalls die Sumpfgebiete mit den unzähligen Moskitoschwärmen entlang des Flusses Aras ein Problem.

Ich fand zwar einen unromantischen Zeltplatz in einem Kürbisfeld, doch wieder hatte ich kein Glück mit dem Wetter. Es blieb weiter dunstig und bedeckt, und der Agri Dagi auf türkischer Seite mit seinen 5.137 m sowie auch der Aragats mit seinen 4.090 m auf armenischer Seite entzogen sich fast durchgehend meinem Blick.

Genug von Hauptstraßen – am nächsten Morgen ging es wieder auf einer Alternativroute mit mehr Höhenmetern weiter. Eigentlich hatte ich geplant, 1.600 m zu bewältigen, doch nach der Mittagspause und der ungefähren Hälfte war die Lust auch wieder vorbei, und ich baute schon mein Lager auf. Zum Glück, denn kaum stand das Zelt, zog auch schon der Regen auf.

Mit frischen und ausgeruhten Beinen ging es am nächsten Morgen weiter, hoch auf 2.000 m und wieder runter ins Tal, wo schließlich die armenische Weinstraße begann. Alle paar Meter gab es Straßenstände, an denen man Früchte, Wein und sonstige Leckereien einkaufen konnte. Nur – ich hatte kein Bargeld mehr dabei. Also fuhr ich an den Ständen vorbei bis nach Areni, um mir am Automaten Geld zu besorgen. Weniger für Wein, da ich kein Weintrinker bin, sondern für andere Leckereien, die ich nur gesehen, aber nicht identifizieren konnte. Doch in Areni gab es keinen ATM!

Mit Scheuklappen vor den Augen ging es weiter bis in die Stadt mit dem unaussprechlichen Namen Yeghegnadzor, wo ich dann endlich wieder an Bargeld kam – aber auch erst am zweiten Automaten. Der erste hatte mir einen großen Schrecken eingejagt, als er mir kein Geld ausgab.

Das nächste Missgeschick ereilte mich, als ich schnell noch Brot und Rahm einkaufen wollte. Zum Abendessen stellte sich heraus, dass die vermeintliche Packung Rahm eben keine war, sondern gesüßte Kondensmilch. Als ich dann schließlich zur historischen Dadal-Brücke wollte, wurde mir nach einem guten Kilometer Holperfeldweg gesagt, dass alle Zufahrten geschlossen seien. Ich baute schließlich an Ort und Stelle das Zelt auf und machte Schluss für heute.

Kaum wurde es dunkel und ich machte es mir langsam im Schlafsack gemütlich, drehte draußen der Wind, und ich nahm auf einmal den leichten Duft von Verwesung wahr.