The Lost Chapter

Die Sonne scheint unbarmherzig auf eine Wiese mit mehreren Dattelpalmen. Links wird die Wiese von einer Hecke begrenzt, rechts von karger Wüste. Unter dem Schatten der mittleren Palme liege ich auf einer Isomatte und lese im Handy
Featured Image

Vorwort: Am Ende des letzten Blogbeitrags war ich noch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, auf dem Weg in den Oman. Heute sind inzwischen zweieinhalb Jahre vergangen und ich sitze fast ebenso lange wieder in Deutschland. In dieser Zeit stand nicht nur dieser Blog, sondern auch alle meine Social Media Kanäle still, und es gab keine Aufklärung, außer für Menschen, die mich persönlich angeschrieben hatten. Aber was ist passiert? Warum bin ich zurück, warum habe ich mich nicht gemeldet und jegliche Verbindung zur Außenwelt abgeschnitten, und wie geht es weiter? Das alles werde ich hier beantworten. Gleich vorab: Es wird hier weniger Bilder geben als sonst üblich.

Der Preis der Faulheit: Hitzekollaps

Nach zwei Wochen im klimatisierten Hostel ging es dann weiter. Gleich nachdem ich mich aufs Rad geschwungen hatte, wusste ich: Die zwei Wochen im klimatisierten Hostel waren ein gewaltiger Fehler. Natürlich hatte ich mich den Temperaturen draußen stark entwöhnt, und die Jahreszeit war ebenfalls weiter fortgeschritten. Kaum saß ich auf dem Rad, hatte ich schon das Gefühl, die Sonne brennt mir die Haut herunter.

Das eigentliche Ziel der ersten Etappe war vor dem Aufsteigen auch noch ein etwas herausforderndes: 1.000 Höhenmeter über Serpentinen hoch auf den Jabal Hafit. Kaum war ich aber unter der Sonne, änderte sich der Plan, und es ging schnurstracks Richtung Oman. Es gab am Fuß des Berges auch noch ein paar Ruinen, die ich über einen Dünenweg hätte erreichen können, aber auch das war mir einfach zu viel.

Aber Lamentieren nützte nichts, ich wollte weiter und nicht ewig sitzen bleiben. Daher ließ ich mir was ganz Besonderes einfallen: Mall-Biking. Bei fast jeder Shopping-Mall auf dem Weg blieb ich stehen, ließ mich von der Klimaanlage wieder herunterkühlen und gönnte mir ab und zu – oder auch des Öfteren – ein Eis.

Da ich am ersten Tag erst Nachmittags losgefahren bin, kam ich nicht weit. Ich machte zwar noch einen Abstecher zum Al Jahili Fort, aber dennoch standen am späten Nachmittag nur knapp über 20 km auf dem Tacho. Wäre ich noch bis zur Grenze gekommen? Sicher! Schließlich waren es nur noch knapp 6 km. Aber ich wollte auch nicht so spät an die Grenze, man weiß ja nie, was alles passiert und wie ich im Oman zurechtkomme. So stellte ich mein Zelt an diesem Tag auf einer künstlich bewässerten Wiese neben einem kleinen Fitnesspark entlang der Straße auf. Schlafen war aber ein Problem, da es im Zelt, selbst in der Nacht, viel zu heiß wurde.

Wir blicken von unten auf eine überhängende Dattelpalme. Der mit alten, gekappten Ästen überwucherte Stamm fällt von oben ins Blickfeld. Von der Mitte des Bildes ragen die schmalen Palmwedel sternförmig nach außen. Dazwischen hängen die vollen Datteltrauben.

Der Grenzbeamte, der kein Fahrrad kannte

Am nächsten Morgen ging es dann direkt weiter zur Grenze, und dieses Mal ging der Übergang nicht ganz so leicht vonstatten. Nachdem ich meine Papiere vorgelegt hatte, fragte der Beamte mich nach meiner „Insurance“, also meiner Versicherung. Damit hatte ich nicht gerechnet und hatte meine Dokumente weit unten in meinen Taschen eingelagert, und so dauerte es einen Moment länger, während der Grenzbeamte leicht genervt zuschaute.

Als er sich meine Versicherungsunterlagen anschaute, kam als Antwort: „No Insurance!“. Ich hatte im Grunde ja schon damit gerechnet, dass das irgendwann einmal passieren wird und das Einreiseland einem eine eigene Versicherung aufschwatzen möchte, wie es beispielsweise auch in Belarus der Fall ist. Also folgte ich einem anderen Beamten zu einem anderen Gebäude und sollte vor einer Reihe heruntergezogener Rollläden warten. Nach gut einer Stunde des Wartens kam schließlich der Mann von der Versicherung, und auch ihm gab ich gleich meine Dokumente.

Nachdem er sie ausführlich studiert und mehrfach nach links und rechts gedreht hatte, schaute er mich fragend an und sagte erstmal nur: „License?!“ Leicht verwirrt holte ich meinen Führerschein heraus und legte ihn hin. Er schaute ihn sich an, nickte kurz und sagte: „I need the Documents for your Vehicle“. Jetzt war ich endgültig verwirrt, aber wahrscheinlich nur halb so verwirrt wie der Mann mir gegenüber, als ich ihm sagte: „Bicycle!!“ und ihm zum besseren Verständnis noch ein Foto zeigte.

Wie es sich schließlich herausstellte, benötigte ich keine weitere Versicherung. Der Beamte direkt an der Grenze war noch etwas grün hinter den Ohren, hatte wahrscheinlich noch keinen Radreisenden gesehen und meinte, alle Fahrzeuge benötigen einen Versicherungsschein. Ich habe mit ihm noch ein wenig gescherzt, fuhr dann aber auch schnell wieder weiter, schließlich war es durch den ganzen Trouble schon bald wieder Mittag.

Ich stehe mittig im Bild im Al Jahil Fort. Die Sonne brennt herunter. Direkt hinter mir sieht man eine dreistämmige Palme. Rechs dahinter ist der runde Wachturm des Forts zu sehen.
Noch vollkomen happy im Al Jahili Fort

Die Rettung auf der Dattelfarm

Und schon war ich im Oman. Das Erste, was ich hier tat, war Geld wechseln und in einem kleinen Shop, direkt hinter der Grenze, Essen, Wasser und eine SIM-Karte kaufen, um dann direkt weiterzufahren. Es war ungewöhnlich, plötzlich ½ Rial Scheine zu sehen.

Der aufmerksame Leser merkt hier möglicherweise schon, was gerade schiefläuft: Es ist Sommer, ich bin in der Wüste, die Mittagssonne knallt herunter, als gäbe es keinen Morgen mehr, und ein kleiner, dummer Radfahrer, der die letzten zwei Wochen nur klimatisiert gelebt hat, fährt unbeirrt weiter.

Es kam, wie es kommen musste. Zwar sah ich meinen Fehler keine 10 Kilometer nach der Grenze ein und wusste, bei der Hitze weiterzuradeln ist nicht gerade das Schlauste, aber es gab auch nirgends Schatten. Ab und zu gab es neben der Straße ein paar dürre Äste zu sehen, die in den Himmel ragten. Manchmal sogar so viel, dass sich dadurch am Boden ein Hauch von Schatten abzeichnete. Aber einen wirklichen Schutz gab es nicht. Auch kam nirgends eine Mall oder irgendwelche Gebäude – bis auf ein militärisches gleich hinter der Grenze – in dem ich mich hätte abkühlen können.

Irgendwann war es dann schließlich soweit. Keine 50 km nach der Grenze musste ich stoppen. Also „Musste“ mit fetter Betonung! Das Rad habe ich einfach zur Straßenseite fallen lassen und versucht meine Zeltplane noch in den paar Ästen aufzuhängen, was nur bedingt geklappt hat. So fühlte ich mich unter meiner Plane wie in einer Sauna, in der das Thermostat kaputt gegangen ist, es immer heißer wurde und die Tür abgesperrt war. Selbst mein Wasser konnte ich fast nicht mehr trinken, so heiß war es. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich bewegen, alleine wegen ein wenig Luft, aber in dem Moment war alles zu anstrengend.

Die komplette untere Bildhälfte besteht aus einer flachen Wasserfläche auf dunklem Stein. Ein konzentrischer Ring von Wellen geht von der Mitte aus. Das Bild ist komplett auf das Wasser fokussiert. Im Hintergrund sind links und rechts stark verschwommene, sandfarbene Steinmauern zu erkennen.
Das Wasser aus dem Brunnen von Quasr Al Muwaiji hätte ich hier brauchen können.

Ganz ehrlich, wäre zu dem Moment oder in einem der nächsten nicht jemand gekommen, wäre das nicht so glimpflich ausgegangen.

Nach gut einer Stunde in der Hitze kam plötzlich Jamet vorbeigefahren, hielt mit seinem Pick-up an und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Natürlich sagte ich „Yes, I’m fine!“, da ich es mir selbst nicht eingestehen wollte, dass ich Scheiße gebaut habe und dass es mir wirklich so dreckig ging. Als er sich dann gerade verabschiedete, wollte er mir noch eine Flasche kaltes Wasser geben. Natürlich musste ich dafür aufstehen und hinlaufen. Bei dem Versuch machte ich zwei torkelnde Schritte auf ihn zu, kippte dann um, womit auch er merkte: „I’m definitely not fine“.

Jamet packte mich und meine Ausrüstung schließlich aufs Auto und fuhr mich direkt zu ihm nach Hause, mitten in der Wüste auf einer Dattelfarm, wo er mich erstmal wieder aufpäppelte. Es gab leckeres Essen, ich trank wirklich Unmengen an Wasser und kam auch wieder in einen klimatisierten Raum. Ich war echt fertig und schlief sofort ein und bis zum nächsten Morgen durch.

Jamal sitzt auf einer Mauer neben einem Wassertrog zur Linken. Er trägt einen lehmbraunen Kaftan und lacht in die Kamera (uns zu).
Jamet, mein Retter.
Blick in ein arabisches Zimmer. Der Boden ist mit einem sandbraunen Teppich mit hellbraunem Blumenmuster bedeckt. Braune Sofas mit mattgoldenem Muster stehen an den Wänden und in der Ecke. In der Mitte des Raumes liegt meine improvisierte Schlafstätte: eine dünne weiße Matratze und eine dicke rote Pferdedecke. Daneben stehen zwei Wasserflaschen und meine Tasche für Elektronik.
Mein Schlafplatz

Die plötzliche Rückkehr und die offene Frage

Als ich am nächsten Morgen, direkt nach dem Frühstück, schon wieder auf dem Rad saß, überlegte ich mir eigentlich nur ganz kurz: Wie geht es jetzt eigentlich weiter? Weiter nach Muscat durch die Wüste, oder doch zurück? Wie gefährlich die Reise durch den Oman war, war mir jetzt bewusst. Dennoch wollte ein größerer Teil von mir weiter und nicht umkehren.

Auf dem Weg, die paar Kilometer von der Farm zurück zur Hauptstraße, wurde dieser größere Teil aber immer kleiner. Schon beim Losfahren merkte ich, etwas stimmte nicht mit mir. Mir war immer noch leicht schwindelig, mir fehlte die Kraft im ganzen Körper und migräneartige Kopfschmerzen bahnten sich an. So hieß die Entscheidung, als ich wieder an der Hauptstraße ankam: Zurück nach Al Ain.

Und das… war im Grunde das Ende.

Ein bescheidenes Hostelzimmer. Weißer Boden und Wände, dukelbraune Hochbetten, Schränke und Türen.
Zurück im Hostel

Die Entscheidung für Deutschland

Ich kam in Al Ain an, bezog wieder mein Bett im Hostel und stellte beim Arzt erst mal fest, dass ich einen ordentlichen Hitzschlag erlitten hatte. Am nächsten Tag telefonierte ich erst einmal mit der Heimat – meiner Familie. Und natürlich erzählte ich nichts von dem Vorfall, denn bei mir ist ja immer alles in Ordnung.

Dummerweise, oder glücklicherweise, ich bin mir da bis heute nicht sicher, erfuhr ich genau in dem Gespräch, dass eine Wohnung bei meiner Familie frei sei, da der Untermieter gerade ausgezogen ist und sie einen neuen suchen. Ohne groß nachzudenken, was das alles impliziert, sagte ich sofort, dass ich die Wohnung nehmen werde, und ein paar Tage später saß ich im Flieger zurück nach Deutschland, mit meiner kompletten Ausrüstung. Erst als ich in Deutschland gelandet bin, wurde mir wirklich gewahr, was ich eigentlich aufgegeben habe und hatte.

Ich wusste schon vor meiner zweiten Ankunft in Al Ain, was alles falsch gelaufen ist, was ich besser hätte tun können, was für andere Optionen ich gehabt hätte. Ich hätte nachts, oder zumindest nur früh und abends fahren können und zur Mittagshitze pausieren. Ich hätte die östliche Route wählen können, die durch das Gebirge und mehr Schatten führt. Ich hätte dem Wetter entsprechende Kleidung wählen sollen, anstatt wie der dümmste Touri im kurzärmlichen Shirt durch die Wüste zu radeln – und das sind nur einige wenige Beispiele von vielen.

Ich habe aber nichts davon getan. Trotz besseren Wissens. Irgendwie war ich an dem Punkt der Reise einfach dumm. War vielleicht zu sehr in Gewohnheiten gefangen und wollte nichts großmächtig ändern. Dabei ist doch genau das ein wichtiger Punkt der Reise. Ich kann bis heute nicht genau sagen, was mich zu dieser Zeit geritten hat.

Aber auch nach dem missglückten Versuch, nach Muscat zu fahren, hätte es genügend Optionen gegeben, die Reise weiterzuführen. Wieder zurück in den Iran, vorher vielleicht bei einer pakistanischen Botschaft persönlich vorbeischauen und nach dem Visum fragen. Oder durch den Iran und die „>500 km in 3–5 Tagen“-Tour durch Turkmenistan in Angriff nehmen und es dabei vielleicht noch schaffen, beim Teufelsloch (dem Krater von Derweze) vorbeizuschauen. Oder per Schiff oder Flugzeug direkt weiter nach Indien und von dort aus weitaus bequemer weiterfahren. Es gab so viele Möglichkeiten, aber letztendlich landete ich wieder zu Hause. Ob es ein glücklicher oder unglücklicher Zufall war, dass gerade zu dem Zeitpunkt die Wohnung frei war, weiß ich bis heute nicht und werde ich auch nie wissen.

Warum ich mich zurückgezogen habe

Warum habe ich nicht Bescheid gesagt, mich zurückgezogen und niemanden wirklich teilhaben lassen? Die Antwort auf die Frage ist so dumm wie einfach: Es war mir peinlich. Nicht nur anderen gegenüber, sondern ganz besonders mir selbst, weil ich mich selbst für eine sehr lange Zeit nicht verstanden habe. Es hat lange gedauert, das „Aufgeben“ als das zu begreifen, was es wirklich war: Ein Rückzug aus einer schweren Situation, wo ich impulsiv den leichten und bequemen Weg gewählt habe. Sehr lange war es für mich einfach nur Schwäche, und das wollte ich niemandem zeigen.

Was ich aber weiß ist, dass das nicht das Ende der Reise war, sondern nur das Ende des ersten Kapitels und noch weitere folgen werden.

Die Pläne für das nächste Kapitel

Das nächste große Kapitel ist jedenfalls für 2027 geplant. Der Start soll Mai dieses Jahres stattfinden. Mal wieder ist als erstes Ziel das Nordkap auf der Liste, welches ich bei der letzten Tour gestrichen habe. Von dort aus sieht die geplante Route vor, über Finnland und die baltischen Staaten runter, bis nach Polen zu fahren. Dieser Abschnitt ist relativ sicher. Danach stehen mir fast alle Routen offen, und wirklich entscheiden werde ich mich spätestens dann, wenn ich in Polen ankomme.

Folgende ganz grobe Touren stehen momentan auf dem Plan:

  • Die Ostroute würde mich, wie der Name schon sagt, nach Osten führen. Diesmal aber die östlicheren Länder des Balkans, über Slowakei, Ungarn und Rumänien in die Türkei, wo ich gerne wieder durchreisen würde. Von dort aus aber über Aserbaidschan nach Kasachstan und über den Pamir nach China.
  • Die beiden anderen Routen, die ebenfalls im Kopf herumschwirren, gehen beide über Frankreich nach Spanien, über die Meerenge von Gibraltar nach Marokko, bis runter nach Gambia. Von hier aus würde mich die eine Route von Dakar per Flugzeug nach Südamerika bringen, während mich die letzte Route auf dem Rad wieder zurück nach Spanien und an der Südküste Europas wieder Richtung Osten führen würde.

Aber egal, welche Route es letztendlich wird: Es wird jedenfalls wieder ein geiles Abenteuer, und ich bin jetzt schon richtig heiß drauf.

Es ist sichtbar kalt. Ich stehe im Fokus in der Mitte einer wintergrünen Wiese. Ich habe einen leuchtend blauen Pullover an, eine graue Strickmütze und einen roten Schlauchschal. Ich grinse glücklich und lehne entspannt auf einem mattgrünen Reiserad ohne Taschen.
Mit neuem Bike, bereit für neue Abenteuer.