Von der Hektik zur Herzlichkeit in Ahvaz
Eigentlich wäre heute ein ereignisloser Tag gewesen. Es ging den ganzen Tag fast nur geradeaus, rings um mich war fast nichts außer landwirtschaftlich genutzte Felder, und der Rückenwind schob wie verrückt. Aufgrund dieser Umstände wollte ich es heute mal wieder „sportlich“ angehen.
Noch am frühen Vormittag wurde ich von einem Auto angehalten und in ein Gasthaus zum Essen und Schlafen eingeladen. Aber es war noch zu früh, und ich wollte unbedingt noch einige Kilometer schaffen.
Kurz nach Mittag, nach bereits über 80 geschaffenen Kilometern und noch 60 weiteren bis nach Ahvaz, wurde ich von Jahwad Achmedi und seiner Familie nach Hause in Ahvaz eingeladen. Eigentlich hatte ich keine Lust und genoss den Rückenwind des heutigen Tages, aber Jahwad ließ nicht locker, also ließ ich mich breitschlagen und willigte ein, um vier Uhr bei ihm zu sein.
Da die Straße heute nur so dahinflog, war ich schon vor drei Uhr in der Stadt. Deshalb – und wegen der Hitze – besorgte ich mir in einer Eisdiele noch ein leckeres Eis. Vier Kugeln kosteten 1€, ein Preis, mit dem ich wahrlich leben kann! 😁
Auf dem Weg zum Treffpunkt wurde ich noch zwei zusätzliche Male angehalten und eingeladen. Die Leute waren regelrecht hartnäckig und haben untereinander gestritten, wer mich denn einladen dürfe, und ich hatte schon fast ein schlechtes Gewissen, aber ich kann mich natürlich auch nicht dreiteilen.
Bei der Familie Achmedi wurde ich herzlich aufgenommen und ich war froh, erst einmal eine Dusche nehmen zu können. Die Hitze an diesem Tag hatte mich in einen wahren Salzblock verwandelt. Die Familie war wieder einmal sehr freundlich, und es gab überaus leckeres Essen. Man zeigte mir Haus und Garten, und der Tag endete mit einer langen Partie eines Kartenspiels.

Ramhormoz: Wiedersehen und Gegenwind
Am nächsten Tag hätte ich auch länger bleiben können, auch weil es an diesem Tag so richtig gegossen und gewittert hat. Aber ich wollte weiter, und so ging es nach einem guten Frühstück auch wieder los.
Der Regen störte mich gar nicht und ich fand ihn sogar erfrischend. Im Gegensatz zum Wind, der mit voller Wucht in meine Richtung blies und den ganzen Tag, im Gegensatz zum Regen, auch nicht nachließ. Am Abend war ich froh, einen schönen Platz fürs Zelt zu haben, mit Ausblick auf eine Raffinerie.

Mein erstes Ziel am heutigen Tag hieß Ramhormoz. Hier wollte ich nur schnell Vorräte auffüllen und gleich weiter bis zur Küste. Aber wie immer kommt es dann doch anders, als man denkt.
Kurz nachdem ich beim Einkaufen im Supermarkt von der Belegschaft auf Tee, Gebäck und Obst eingeladen wurde und gerade weiterfuhr, fuhr ich an einer Gruppe Radler vorbei. Wer mich kennt, weiß, dass ich da erst einmal einfach weiterfahre, da ich jemand bin, der sich nicht gerne aufdrängt. Es dauerte aber nicht lange, da holte mich einer aus der Gruppe ein und führte mich zurück zum Pulk.

Es stellte sich heraus, dass es eine Gruppe iranischer Freunde war, die ab und zu Radtouren zusammen machten, und sie waren gerade losgefahren. Natürlich wurde ich eingeladen, die Tour mitzufahren, was ich nicht ablehnen konnte.
So führte uns unser Weg vorbei an der örtlichen Burg und weiter Richtung Behbahan, bis wir plötzlich abbogen. Anfangs noch über Feldwege, ging es immer weiter über Stock und Stein, bis wir an einem See ankamen und dort Lager machten. Natürlich war ich auch zum leckeren Picknick eingeladen.
So verbrachten wir dort eine schöne Stunde, wobei auch mein Bike ordentlich inspiziert wurde. Und es gab auch dieses Mal wieder einen Platten, nur dass es dieses Mal nicht mich erwischt hat.
Nachdem uns Vormittag der Wind noch in den Süden geführt hatte, hielt uns der gleiche Wind am Nachmittag natürlich auf, wieder zurück nach Ramhormoz zu fahren, so dass einige ganz schön in die Pedale treten mussten und manche sich vom „Verpflegungswagen„ mitnehmen ließen. (Ja, es gab jemanden, der mit dem Auto hinterher fuhr und Support gab.)
Sizdah Bedar und Abschied
Zum Glück wurde ich während der Tour von Mosen und seiner Frau Feresh eingeladen, die Nacht bei ihnen zu Hause zu verbringen. Nachdem wir angekommen waren, holten wir noch Hirbod, den Sohn der Familie, vom Fußballtraining ab, bevor es dann richtig leckeres Essen gab. Gerade die selbstgemachte Suppe der Großmutter war richtig lecker.
Abends gab es dann noch eine Familienzusammenkunft, wo wir noch bis spät in die Nacht zusammen saßen, redeten und lachten. Es ist wirklich lange her gewesen, dass ich mich mal wieder so wohl gefühlt habe.

Wie gesagt, fühlte ich mich sauwohl und so kam es, dass ich mich noch zu einem weiteren Tag in Ramhormoz überreden ließ. Schließlich war an diesem Tag ein iranischer Feiertag, ‘Sizdah Bedar’, der Tag der Natur, der schon seit 1800 v. Chr. gefeiert wird. Danach fuhren Mosen, Feresh, Hirbod und ich zusammen mit dem Auto in die Berge, nordöstlich der Stadt.

Hier muss ich mich schon beinahe entschuldigen: Die Landschaft war dort so unglaublich schön, aber ich habe keine Bilder geschossen. Das lag daran, dass ich mir fest vorgenommen hatte, die Strecke noch mal mit dem Rad abzufahren, was dann aber aufgrund von Zeitmangel nicht geklappt hat.
Jedenfalls waren wir zusammen bei einer ewig brennenden Gasflamme, namens ‘Taschkuh’, und an einem wunderschönen Stausee, bis wir kurz nach Mittag in Qaleh Toll ankamen, wo wir uns mit der restlichen Familie getroffen hatten und ein riesiges Kebab-Picknick machten.
Als wir uns wieder auf dem Rückweg machten, wurde es schon wieder dunkel. Trotzdem hielten wir in der gleichen Ortschaft noch mal an der namensgebenden Toll Burg an, die wir zusammen besichtigten, bevor es aber endgültig wieder nach Hause ging.

Schließlich war der nächste Tag angebrochen, und ich ließ mich dazu überreden, noch einen weiteren Tag hier zu verbringen. Am Morgen machten wir noch einen kurzen Ausflug zur Burg der Stadt, und am Nachmittag ging es zusammen mit Shakiba und Shaqaig nochmals in die Berge, zum gemeinsamen Fotoshooting und Tee. Nur Hirbod war nicht dabei, er musste schließlich in die Schule.
Wieder in Ramhormoz angekommen, war es schon dunkel und wir gingen zusammen noch Kebab essen. Dabei gesellten sich dann noch Duba, Mosche, Raha und Sarah zusätzlich zu uns, und wir hatten noch einen richtig schönen Abend bis spät in die Nacht.
Am nächsten Tag war es dann aber soweit, und ich musste schweren Herzens Abschied nehmen. Ich habe hier eine der schönsten Zeiten auf dieser Reise verbracht, da ich wirklich wundervolle Menschen kennengelernt habe. Da passte es, dass ich aufgrund des Gegenwinds fast nicht vom Fleck kam.








