Sauberkeit und Geschwindigkeitsrausch
Dieser Tag begrüßte mich schon früh am Morgen mit herrlichem Sonnenschein. Zwar war mein Rad noch voller Schlamm und ich musste es am Fluss erst noch mal ordentlich sauber machen, aber ich war bester Laune.

Auch die heutige Route war super. Zwar war die Straße immer noch eng, aber der heutige Tag stand unter dem Motto: Höhenmeter extrem reduzieren. So kam es öfter vor, dass ich LKWs überholte, als dass ich mich überholen lassen musste.
Erst ging es noch durch Hochnebelfelder, mit immer wieder einzelnen Stellen, wo die Sonnenstrahlen durchschienen, bis runter an den Kashkan. An dessen Ufer entlang ging es bis zur Stadt Pol Dokhtar. Da es geplant die einzige Stadt auf der heutigen Etappe war, kaufte ich hier ordentlich ein, bekam noch ein Eis geschenkt und wurde kurz darauf von jemandem zu einem Zeitungsinterview eingeladen.
Ramadan, Findlinge und beeindruckende Berge
Am heutigen Tag fiel mir auf, dass der Ramadan hier doch nur etwas sehr Theoretisches ist. Überall bei diesem tollen Wetter sah man Familien am Straßenrand picknicken. Von daher genierte ich mich auch nicht mehr. Aber alle Fast-Food-Restaurants für Kebab, Shawarma oder Ähnliches haben geschlossen.
Direkt nach der Stadt führte mich mein Weg an einer Art Steinwüste vorbei, die voller Findlinge und Felsen lag, wo ich schließlich leicht verspätet Mittag machte und auch eine kleine Wandertour abseits der Wege unternahm.
Als es auf dem Rad weiterging, wurde die Landschaft immer beeindruckender. Östlich von mir führte ein fast kerzengerade verlaufender Bergwall entlang der Straße, der aufgrund der immer gleichen Steigung bald schon künstlich aussah dafür aber viel zu massiv war. (Zur Information, es handelt sich dabei um eine Antiklinale, eine Aufwölbung der Erdplatte). Rechts von mir, etwas hinter dem Fluss, war ebenfalls ein Bergmassiv, das von tiefen und steilen Schluchten gekennzeichnet war. Leider ließen die Lichtverhältnisse keine Bilder davon zu.

Mein Lager schlug ich heute wieder früh auf. Ich hatte schon genügend Kilometer, wollte noch vor der Autobahn einen Platz finden, und der wichtigste Punkt: Ich wollte die Landschaft genießen. So machte ich noch eine kleine Bergtour, entdeckte einen komischen Steinkreis neben meinem Zelt und nähte zum Abschluss des Tages noch Taschen, Hosen und kümmerte mich um sonstige Ausrüstung.

Hochsommergefühle und das Brot-Problem
Langsam scheint der Frühling vorbei zu sein und der Hochsommer drängt so langsam durch. Jedenfalls war das mein heutiges Empfinden, da die Temperaturen immer weiter in die Höhe schnellten. Dafür ging es auch heute weiterhin bergab – zumindest im Großen und Ganzen –, so dass der Tag doch angenehm blieb.
Der Weg führte heute wieder durch weite Schluchten und schöne Berge, die teilweise an das Monument Valley erinnert haben, auch wenn ich nicht viel davon festgehalten habe. Besonders schön war aber der Blick von der Stadt Hoseyniyeh aus auf den entfernten, türkisblauen Shayon See und die beeindruckend geformten Berge im Hintergrund.

Dafür hatte ich hier mal wieder Probleme, Brot zu kaufen. In den Bäckereien wird meistens mit Karte gezahlt und nicht mit Bargeld. Da das iranische Bankensystem vom globalen SWIFT-System ausgeschlossen ist, sind meine Kreditkarten hier nutzlos. Brot gibt es selten in Supermärkten und meistens gehört Glück dazu, eins zu finden. Mittlerweile gehe ich trotzdem einfach zum Bäcker. Entweder einer der anderen Kunden hilft aus, oder ich bekomme Brot geschenkt.
Kanukbaum-Party in Dezful
Gegen Abend bin ich schließlich in Dezful angekommen. Die Altstadt hat vom anderen Flussufer aus einen schönen Eindruck gemacht, aber es war zu viel Getümmel, um das Fahrrad stehen zu lassen, weshalb es für mich einfach weiterging. Hier wurde ich auch wieder mehrfach von Leuten zum Übernachten eingeladen, aber ich hatte weiterhin keine Lust.
Ab Dezful war es erst einmal vorbei mit den Bergen und es gab nur noch Flach- und Farmland, was es immer schwer macht, einen Zeltplatz zu finden. Letztendlich baute ich mein Zelt unter einem Baum, direkt an einem Feldweg auf. Was ich nicht wusste: Es war ein Kanukbaum, der reife Früchte trug. Diese heißen auch ‘Goje Sabz’ oder Edelpflaumen. Eine Stunde später war eine Gruppe Frauen um mein Zelt verteilt und wollten diese ernten. Ich stellte also mein Zelt um und lud die Damen dabei zum Tee ein. Keine von ihnen sprach Englisch, niemand hatte Internet zum Übersetzen, aber dennoch war es ein lustiger Abend.





