Minus 25 Grad und warme Gastfreundschaft

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Der Tag nach Bayburt war mal wieder kalt und begann auch ohne Sonne relativ trostlos. Es war zwar nicht ganz so eisig wie die Tage zuvor, aber mein Körper wollte beim Trampeln einfach nicht warm werden.

Nach einigen Kilometern auf der Hauptstraße bog ich wieder querfeldein in Richtung Berge ab – der normale Weg war mir einfach zu langweilig. Die Sonne kam zwar im Laufe des Tages raus, aber ihre Wärme erreichte mich nicht wirklich. Zum Glück fand ich an diesem Tag ein leerstehendes Haus ohne Fenster und Türen, in dem ich zumindest einigermaßen windgeschützt war. Der Haken an der Sache: Es lag direkt neben einem Stausee.

In dieser Nacht hatte ich mich zum Glück gleich auf niedrigere Temperaturen eingestellt und mich dementsprechend angezogen, denn es kühlte auf brutale -25 Grad ab. Das war wirklich kalt und ich verbrachte die Nacht in einem Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen.

Aber scheinbar härtet man ab. Am nächsten Morgen störten mich die -14 Grad beim Radeln kaum noch, auch weil die Sonne schien. Mit dem ganzen Eis im Gesicht machte ich wohl einen mitleiderregenden Eindruck, denn in Bespinar wurde ich zum Mittag gleich zum Essen eingeladen. Nach der Stärkung ging es auf in die Berge und hoch auf fast 2.100m. Belohnt wurde ich dort oben mit einer grandiosen Aussicht.

Nachmittags kam ich in Otlukbeli an, wo ich wieder auf Tee und zum Essen eingeladen wurde und sogar eine Unterkunft für die Nacht bekam. An dieser Stelle möchte ich mich für die Gastfreundschaft in Otlukbeli bedanken. Neben literweise Tee, Abendessen, Frühstück und sonstigen Geschenken gab es auch noch ein warmes Bett. Vielen Dank nochmal stellvertretend für das fast ganze Dorf an Fatih und Mustafa!

Von meinem Plan, nach Erzincan über die Berge zu fahren, wurde mir abgeraten, da dort zu viel Schnee liegen sollte. Aber ich ließ mich nicht beeinflussen und machte mich trotzdem auf den Weg.

Wieder einmal wurden der Tag und die Landschaft wunderschön, als sich endlich die Wolken verzogen hatten, und so machte ich mich nach und nach an den Aufstieg. In Cayirli wurde ich zwischenzeitlich dreimal zum Tee eingeladen, lehnte aber zweimal ab – das kostet einfach immer zu viel Zeit. Auch hier wurde mir wieder dringend davon abgeraten, weiterzufahren.

Als ich auf 2.000 Höhenmetern ankam, wurde es langsam spät. Ich schob mein Rad gerade durch den Tiefschnee zu einem schneefreien Platz für mein Zelt abseits der Straße, als die Jandarma (Gendarmerie) anhielt und mir zuwinkte. Die Ansage war klipp und klar: Ich muss zurück. Campen sei zu gefährlich, da es zu kalt wird. Das hat mich in dem Moment natürlich ordentlich genervt. Auch mein Einwand, dass ich damit zurechtkomme, und das Zeigen von Bildern meiner letzten Campstellen nützte nichts – ich musste zurück. Es war einfach frustrierend, so bevormundet zu werden, aber ich hatte keine Wahl. Trotzdem muss man sagen: Die Jungs waren eigentlich total nett und wollten mich und mein Rad sogar fahren, aber ich verneinte. Wenn, dann radle ich selbst zurück.

Wenige Kilometer weiter hielt das nächste Auto an. Es handelte sich um türkische Bergretter. Super freundliche Typen, die sich mit mir unterhielten und mir gleich auch Tee, Wasser, Süßigkeiten und eine Mütze schenkten.

Als ich so langsam wieder die Stadt Cayirli erreichte und es unangenehm kalt auf dem Rad wurde, hielt mich schon wieder ein Fahrzeug der Jandarma an. Diesmal aber nur aus Interesse und so wurde ich wieder ausgefragt. Als ich auf die Frage, wo ich hinwolle, sagte, dass ich auf der Suche nach einem Hotel oder einer Pension bin (für die Zeltplatzsuche war es schon zu spät), luden sie mich in ein Haus ein, in dem normalerweise Schulpersonal übernachtet. Das war zwar voll, aber ich durfte kostenlos in einem der Hobbyräume übernachten.

Am letzten Abend in Cayirli – ich war gerade mit einem Upload fertig – klopfte es an der Tür. Wieder einmal wurde ich eingeladen, mit anderen einen schönen Abend zu verbringen und bei Tee zusammenzusitzen. Aber ihr kennt das wahrscheinlich: War man den ganzen Tag in der Kälte und kommt abends in die Wärme, fallen einem von alleine die Augen zu. Darum musste ich mal wieder verneinen, hegte aber die Hoffnung, am nächsten Morgen in der Küche jemanden zu treffen.

Der Tag begann erst einmal mit einem wunderschönen Sonnenaufgang mit toller Sicht auf die Kleinstadt und einem leckeren Espresso, den ich mir in der Küche zubereitete. Leider wurde es erst einmal nichts damit, neue Leute kennenzulernen, da ich der Einzige war, der anwesend war.

Nachdem ich ganz gemütlich gefrühstückt, meine sieben Sachen zusammengepackt und alles am Fahrrad verstaut hatte, kam gerade Abdurrahim, ein Englischlehrer, vorbei. Wir kamen in ein schönes Gespräch und ich lernte auch etwas über die Gebetskette, den Tesbih, sowie deren Symbolik, die ich in Otlukbeli geschenkt bekommen hatte. Als dann noch mehr Personen ankamen und sich interessiert mit mir unterhielten, wurde ich auch wieder gefragt, ob ich etwas essen oder trinken möchte. Es war jedoch schon kurz vor zehn und ich hatte heute noch gute 120km zu fahren, weshalb ich schon wieder ablehnen musste.

Die Fahrt selbst war anfangs mit knapp -18 Grad weiterhin kalt, aber das störte mich gar nicht so sehr. Viel schlimmer war die Strecke selbst: Nach 20 Kilometern landete ich wieder auf der Autobahn und musste realisieren, dass ich die restlichen 100 Kilometer exakt jene Strecke zurückfahren musste, die ich vor einem halben Jahr schon einmal mühsam hochgestrampelt war. Da es durchweg bergab ging, sollte das eigentlich kein Problem sein. Aber wie es immer so kommt, war der Tag stark von Gegenwind geprägt, sodass ich selbst bergab kräftig in die Pedale treten durfte, um nicht stehenzubleiben.

So war es fast 20 Uhr, als ich endlich in der Pension ankam, wo ich zuvor schon mal übernachtet hatte. Hier werde ich erst mal die nächsten Tage verbringen, Ersatzteile für die weitere Reise sowie das Visum für Pakistan besorgen und ein paar Teile der Ausrüstung reparieren.