Zufälle die es garnicht gibt

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Das Wetter wurde am nächsten Morgen erst einmal nicht viel besser. Aber ich konnte froh sein, dass es nicht schneite – zumindest nicht auf der Höhe, auf der ich mich gerade befand. Bei einem Blick über den See konnte ich zwischen Wolkendecke und Ufer erkennen, dass scheinbar keine 50 m über mir bereits alles weiß war.

Durch das trübe und kalte Wetter ging es weiter am See entlang und ich war froh, dass es wenigstens nicht regnete. Im Laufe des Vormittags klärte es sogar kurz etwas auf und ich konnte die Zeit nutzen, um wenigstens ein Kloster am See zu besichtigen. Kurz vor Sevan fing es dann aber an zu schneien – im Grunde zum ersten Mal auf dieser Tour. Ich hatte zwar auch in Österreich Schneefall, aber da war ich ohne Gepäck und abseits der eigentlichen Strecke unterwegs. Jedenfalls gab ich jetzt Gas; ich musste schließlich meine eigene persönliche Heizung anschmeißen, um nicht zu frieren.

Nach einem kilometerlangen Tunnel bergab Richtung Dilijan gab es erst einmal einen landschaftlichen Schock. War ich seit der Zentraltürkei fast ausschließlich in verschiedenen Sorten von Steppen und Ödland unterwegs gewesen – und Bäume gab es höchstens in fünfer Rudeln – stand ich plötzlich, quasi von einer Tunnelseite zur anderen, mitten im Wald! Das hat mich erst einmal überglücklich gemacht. Allerdings änderte es nichts daran, dass das Wetter statt auf Kalt-und-Schnee nun auf Kalt-und-Regen umgeschwenkt hatte, was zusammen mit dem Fahrtwind der stetigen Bergabfahrt zu halb erfrorenen Fingern und einem ausgekühlten Oberkörper führte. Zum Glück gab es am Straßenrand Abhilfe: An einer kleinen Garküche bestellte ich mir einen frischen, heißen, gekochten und gesalzenen Maiskolben. Nach einem kurzen Tratscherl mit der Verkäuferin gab es sogar noch einen Tee mit Schuss obendrauf.

Geplant waren für den Rest des Tages noch die Abfahrt bis nach Dilijan sowie eine kurze Besichtigung der Stadt. Das änderte sich aber schlagartig, als mir Julian, ein Reiseradler aus Belgien, entgegenkam. Nachdem wir etwas Smalltalk gehalten hatten und er nach dem Wetter und der weiteren Strecke nach oben fragte, antwortete ich mit „Tunnel und Schnee“. Daraufhin erwähnte er, dass noch zwei deutsche Radler hinter ihm seien – und dass einem von ihnen das Wetter sicher nicht gefallen würde, da er nur einen +8 °C Schlafsack dabei hätte. Da machte es sofort klick in meinem Kopf und ich fragte: „Du meinst aber nicht den Hans?“

So kam es, dass ich kurze Zeit später tatsächlich vor Tim und Hans stand. Mit Letzterem hatte ich ja bereits eine großartige und lustige Zeit in Albanien verbracht. Auch dieses Mal verstanden wir uns wieder prächtig, aber leider blieb uns nicht viel Zeit. Die beiden mussten noch den Berg hoch und durch den Tunnel sowie einen Zeltplatz finden, und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Dämmerung einsetzt. Nach einem gemeinsamen Foto ging es also für jeden weiter, und auch mein Plan, durch Dilijan zu fahren, fiel aufgrund der fortgeschrittenen Zeit ins Wasser. Ich hielt direkt hinter der Stadt an und baute gleich mein Zelt auf.

Am nächsten Tag hatte ich schon vor dem ersten Blick aus dem Zelt richtig gute Laune – ab heute ging es nämlich fast nur noch bergab. Zwar gab es ein paar Hügelchen auf der Route, aber nichts, was nicht zu bewältigen wäre. Die Laune wurde noch besser, als ich den Reißverschluss vom Zelt öffnete und mir blauer Himmel und Sonnenschein ins Gesicht strahlten. Zwar war es immer noch frisch, und ich blieb bei langem Oberteil, Buff im Gesicht und Handschuhen, aber Sonnenschein ist einfach etwas Tolles.

Mein Weg führte mich am Fluss Aghstev entlang bis nach Ijevan. Aufgrund des Wetters und der neuen Landschaft zeigte sich Armenien noch einmal von seiner besten Seite, und ich genoss diesen Streckenabschnitt wirklich sehr – und das hielt auch noch bis nach Azatamut an. Dort gingen schließlich die besagten Hügelchen los, und ich hatte wirklich keine Lust mehr darauf. Also fuhr ich nur noch einen kleinen Abschnitt nach oben, bis ich eine nette Stelle für das Zelt fand, und machte es mir bereits kurz nach Mittag bequem. Armenien wollte ich am nächsten Tag ohnehin verlassen.