Aufstieg in die Kälte

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Für den heutigen Tag war Regen gemeldet, aber glücklicherweise ließ er den ganzen Tag auf sich warten. Dafür standen wieder Höhenmeter an, insgesamt 1.600 waren zu bewältigen. Kaum fuhr ich los, taten mir jedoch schon die Beine weh, und ich kam nur missmutig und schwer voran.

Zu Mittag hatte ich grob die Hälfte der Strecke geschafft, allerdings erst ein Viertel der Höhenmeter. Beim Start des eigentlichen Anstiegs hatte ich daher eigentlich keine Lust mehr und hielt schon Ausschau nach einem Platz, um das Zelt aufzubauen. Doch alle Flächen waren zu steil, sodass es nur für eine verlängerte Mittagspause reichte.

Durch die Pause hatten sich die Beine etwas erholt, und obwohl es immer steiler wurde, konnte ich das locker mitgehen. Außerdem waren an diesem Tag deutlich mehr Reisende unterwegs als üblich – vermutlich wegen der wenigen Ausweichmöglichkeiten in Armenien. So traf ich mehrere Radreisende aus Polen, England und der Tschechei sowie ein Paar Holländer, die mit ihrem Caddy (Caddycampers) durch die Weltgeschichte fuhren und mir einen Kaffee ausgaben.

Ich war trotzdem geschafft und hatte nicht vor, weiter als bis zum Ende des Passes zu fahren. Kurz bevor ich dort ankam, erreichte ich an einer Seitenstraße eine alte Karawanserei, die knapp unter dem Gipfel lag und eine schön ebene Fläche für das Zelt bot – inklusive Aussicht auf fast die komplette Tagesetappe.

Ich saß keine Stunde da und genoss die Ruhe auf einer Bank, als ein VW-Bus neben mir anhielt und ein Schweizer ausstieg. Simon war ebenfalls ein supernetter Typ, mit dem ich dann den restlichen Abend verbrachte – und mit dem ich zufälligerweise auch ein Bier trinken konnte, da ich an diesem Tag zwei Flaschen dabeihatte.

Nachts verbrachte ich noch einige Zeit damit, Sterne zu fotografieren, wobei ich aber noch einiges an Übung brauche. Meine Freundlichkeit mit dem Bier machte sich am nächsten Morgen auch gleich bezahlt: Ich hatte es zum ersten Mal geschafft, mich zu verplanen und kein Benzin mehr im Kocher zu haben – was einen Morgen ohne Kaffee bedeutet hätte 😮 Zum Glück hatte Simon einen Gasherd im Auto.

Nach einem kurzen Frühstück ging es weiter, hoch auf den Pass und über ein leicht abfallendes Plateau wieder nach unten. An einer Kirche mitten in der Pampa stand plötzlich eine eingemummte Frau am Straßenrand, die nicht besonders armenisch wirkte. Meine Neugier war geweckt, also hielt ich an und fragte nach. Alex kam aus Deutschland und war von Istanbul aus per Anhalter durch den Kaukasus unterwegs – und wieder zurück. Momentan hatte sie jedoch das Problem, hier abgesetzt worden zu sein. Ich schien aber Glück gebracht zu haben, denn nach ein wenig Smalltalk kam ein Wagen vorbei, der sie mitnahm.

Mein Weg führte mich weiter durch dystopisch wirkende Gegenden, vorbei an „Tigerkühen“ und dem erloschenen Vulkan Argmaghan, bis hinunter zur am Sewansee gelegenen Stadt Martuni. Doch je näher ich dem See kam, desto kälter wurde es. Aus angenehmen 15 °C wurden innerhalb kurzer Zeit 10 °C, die sich aber deutlich kälter anfühlten.

Nach einem wärmenden Imbiss in der Stadt machte ich mich wieder auf den Weg. Doch das Wetter schien einen Narren an mir gefressen zu haben. Innerhalb der nächsten zehn Kilometer fiel die Temperatur auf unter 5 °C, und nach und nach setzte leichter Nieselregen ein. Trotz eigentlich warmer Kleidung – ohne jedoch die wirklichen Wintersachen auszupacken – wurde es unangenehm kalt.

Am Straßenrand kaufte ich schließlich noch einen geräucherten Fisch sowie Brot und Sanddornsaft ein. Diese Beeren wachsen hier am See in rauen Mengen. Kurz darauf war jedoch Schluss mit dem Radeln: Das Thermometer fiel auf 2 °C, und zusammen mit dem Regen wollte ich nicht mehr weiterfahren. Ich bog zum Ufer des Sees ab.

Nachdem das Zelt aufgebaut war, wollte ich noch eine kleine Fototour zu Fuß in der Umgebung machen, brach sie aber nach kurzer Zeit wieder ab. Der Regen hatte inzwischen so zugenommen, dass an Fotografieren nicht zu denken war – ich kam gar nicht hinterher, die Tropfen von der Linse zu wischen. Stattdessen machte ich noch einen Abstecher zu den vielen Sanddornbüschen und deckte mich mit ordentlich Vitamin C ein.

Abends stolperte dann noch eine Kuh über mein Abspannseil, aber zum Glück löste sich nur der Hering und nicht die Naht am Zelt. Kurz darauf kam der Hirte vorbei, lief direkt an meinem Lager entlang und gab mir einen Schnaps zum Aufwärmen aus.